Mai 2012
1 Juny 1841.
Klagen aus Rimberg, der am Fußübel leidende Bruder wisse sich mit seinen vier Kindern zweiter Ehe, nun endlich nicht mehr zu helfen – forderten mich wieder zur jährlichen Visitationsreise heraus.
Das Datum ist wohl verschrieben. Die vorhergehenden Einträge vom 23. bis 26. Mai berichten sehr karg von der Erkrankung Schmellers an der Nesselsucht. Der nachfolgende Eintrag vom 29. Mai bezieht sich auf die Reise Schmellers zu seinen Verwandten.
30. May.
„Pfingsten das liebliche Fest war gekommen, es blühte die Heide.“
Diesmal blühte die hier sogenannte Haidə (Ginster) nicht mehr; der May 1841, dem Juni andrer Jahre gleich, hatte schon Schoten gebildet. Allgemeine Klage über die andauernde Trockenheit. Hier unten hatte es kurz vor Ostern zum letzten Male geregnet. Ich kam unter der Kirche nach Rimberg. Bei Sepp war nur Wastel zu Hause, Brod aufschneidend zu den Knödeln. Der Vater also dennoch wieder im Stande nach Rohr zu gehen –
Ich schlenderte unter den Bekannten meiner Kindheit und Jugend (auch sie nicht mehr alle da) den alten Eichen und Buchen herum, bis die Kirche aus war. Dann Besprechung, Berathung, Mahnung und Tröstung. Es steht nicht so schlimm als ich gefürchtet. Gegen Abend zum Pfarrer in Rohr … N. Knitz, wo sich auch der neuangetretene zu Guntramsried … Schilling zufällig einfand. Dann nach Waal (wol besser Wald), in dessen, wie die obigen noch jungen Kirchherrn ich einen meiner ehmaligen Zuhörer (mit Joseph Müller, Zeuß, Greith, Höfler etc.) N. Pröbstl. (von Weilheim) begrüßen konnte. Er begleitete mich nach Rorbach, wo ich im Wirthshause Nachtherberge nahm, nachdem ich das Schloß (der alte Koch mit Tochter war eben in Pörnbach, nur sein Sohn Franz saß im Garten mit einem Baron Mayer aus Burgstall und einem Auditor (Sinzel?) aus Straubing) und das nun dem Vetter Georg gehörige Wagnerhaus besucht hatte.
Den 31st. Pfingstmontag.
Kirche in Rorbach. Der alte Koch besucht.[sic!] Dann mit Georg (es regnete Gottlob wieder einmal) nach Wald. Hier hielt ich mit dem amtseifrigen Pfarrer Mittag. Er begleitete mich bis Rohr. Der hiesige Pfarrer war zu dem von Guntramsried gegangen. Nochmalige Berathung zu Rimberg, wo auch Cordula, die gestern ihres Fußes wegen bei einem Wundermann in Niederscheiern gewesen, zurück war. Abends nach Pfaffenhofen, und heute Morgen 3½ Uhr mit dem Eilwagen heimwärts.
(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 310f.)
Schmeller brachte in seinem Wörterbuch (zitiert nach der von Fromann besorgten Ausgabe) sehr häufig persönliche Bemerkungen unter. Am häufigsten zitiert wird der Artikel (Bd. 1, Sp. 1287) über Körben (Kürbenzäuner).
Auch seine Pfingstreise in das Elternhaus 1841 bot ihm Anlaß zu einer sehr persönlichen Anmerkung:
Meines Bruder Sohn, Georg, hat bey seiner Verehelichung mit der Tochter seines seligen Meisters und der Übernahme des (mit Allem auf 1500 fl. geschätzten) Wagnergütleins zu Rorbach an den Gutsherrn (Herrn von Koch u. dessen Gerichtshalter Escherich) folgende Taxen und Gebühren erlegen müssen (Anfangs 1841):
Ansäßigmachung u. Gewerbsverleihung 7 fl . 1 ½ kr
Grundherrlicher Consens 9 fl 45 kr.
Leibrecht für 600 fl. à 15 proCent 90 fl.
Erbrecht von 270 fl. à 7 1/2 proCent 20 fl. 15 k.
Übernahmsbrief à 1500 fl. 29 fl. 41 kr.
Heiratsbrief à 415 fl. 8 fl. 53 ½ kr.
Zeugniß 49 ½ kr.
Hypothek-Recherche 43 kr.
Schenk- und Hochzeitgeld 2 fl. 37 ½ kr.
Umschreibung 18 kr.
Nachträge: [nicht angeführt] 3 fl. 27 ½ kr.
173 fl. 31 ½ kr.
Ich habe mir das Ding notiert (31. Mai 1841), da ich in Rorbach anwesend. Der gute Georg hat eben – was wollte er thun? – obschon höchlich überrascht, die gutsherrlichen Ziffern, ohne von ihrer Richtigkeit überzeugt zu seyn, mit seinem sauer erworbenen kleinen Peculium dem Hrn v. Koch gehorsamst versilbert. Manches was Hr. v. Koch als leibrechtig angesetzt, z. B. der Gemeindeantheil, der zum Garten gemacht, ist ludaigen. – [...]
Peculium – Privatvermögen
ludaigen – freies Grundeigentum
Dieser Eintrag findet sich unter dem Stichwort „Gerechtigkeit“ (Wörterbuch 2, Sp. 32). Ihm folgen lange Ausführungen zur lehens- und besitzrechtlichen Lage der bayerischen Bauern, die im Vorfeld der Märzrevolution 1848 natürlich auch politisch zu lesen sind.